• Pfarrer Georg

17.So: ...an Gott gewöhnt...


Die katholische Mystikerin Madeleine Delbrel (1904-1964), die besonders in den Arbeitervierteln von Paris als Christin wirkte, hat vor über 60 Jahren selbstkritisch gesagt: „Das Evangelium ist für uns keine Neuigkeit mehr. Wir sind daran gewöhnt…. Der lebendige Gott ist kein ungeheures, umwerfendes Glück mehr, er ist ein Gesolltes, die Grundierung unseres Daseins. Wenn wir von Gott reden, bereden wir eine Idee, statt eine erhaltene, weiterverschenkte Liebe zu bezeugen.... Wir verteidigen Gott wie unser Eigentum, wir verkünden ihn nicht wie das Leben allen Lebens, wie den unmittelbaren Nächsten all dessen, was lebt.“ Ich habe in den vergangenen Monaten eine Erfahrung in diese Richtung gemacht: als während des strengen Lockdown keine öffentlichen Gottesdienste mehr gefeiert wurden, ist mein Leben dennoch weiter gegangen. Ich habe mich fast gewundert, dass es mir damit so gut geht. „Fehlt mir denn Gott eigentlich gar nicht?“ habe ich mich gefragt. „Wo ist denn Gott nun, wenn wir nicht feiern?“ Es schien ganz so, als wäre der liebe Gott ganz in den Hintergrund meines alltäglichen Lebens getreten. Später ist mir bewusst geworden, dass ein Großteil meiner Gottes-Beziehung scheinbar aus Routine bestanden hat; es war viel Gewohnheit, aber wenig Leidenschaft… und da war wenig Raum mehr für das Staunen über die Unbegreiflichkeit und Unfassbarkeit Gottes in meinem Leben. Wenn ich die Gleichnisse vom Himmelreich aus dem heutigen Evangelium lese, verspüre ich Neugier nach dem lebendigen Gott. Ich empfinde Lust, nach dieser besonderen Perle zu suchen, für die der Kaufmann im Evangelium alles andere hergibt… Ich bin überzeugt, dass es im Acker unseres ganz persönlichen Lebens einen besonderen Schatz gibt, für den es sich lohnt, zu leben und sich einzusetzen. Vielleicht ist es das, was Madeleine Delbrel meint mit der „zum Weiterschenken erhaltenen Liebe“ und mit dem „Leben allen Lebens“, das uns ganz nahe ist. Ich wünsche uns, dass wir diesen Schatz immer wieder finden, der uns mit Glück erfüllt, sodass es aus unserem Leben wie aus einer vollen Schale überfließt …



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für Texte & Inhalt verantwortlich: Mag. Georg Fröschl

Laurentiusplatz 2, 1140 Wien, Pfarrer der Pfarre Breitensee

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