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Herz-Gabe

  • Autorenbild: Georg Fröschl
    Georg Fröschl
  • 1. Juni
  • 4 Min. Lesezeit

Ich habe die Geschichte vom Seesturm (siehe am Ende des Textes) ausgesucht, weil mein Lebensboot in den letzten Monaten in einen heftigen Sturm geraten ist.

Ich konnte nicht mehr selber steuern. Die Ruder wurden mir aus der Hand genommen. Ich war angewiesen auf andere. Ich musste die Ungewissheit aushalten, wie diese Überfahrt ausgehen wird. Mir ist bewusst geworden, wie klein mein Leben ist, angesichts der Kräfte und Dynamiken, denen ich ausgeliefert bin.

 

Eigenartigerweise habe ich nie gedacht: warum passiert das mir? Ich habe diesen Sturm auch nicht als Willkür des Schicksals oder als Strafe Gottes empfunden. Es war für mich eine Tatsache und Herausforderung, der ich mich stellen sollte. Ich spürte, dass ich mich mit meinem Leben konfrontieren muss.

 

Ich wollte mein Leben immer bewahren, vor jedem Unglück wollte ich mich fernhalten, vor jeder Verletzung, vor Versehrtheit – und jetzt war ich mittendrin, wo ich nie hinwollte. - Und doch hat sich immer ein Weg aufgetan.

 

Ich gebe zu, es gab Phasen, wo ich nicht mehr weiterwollte, wo ich sogar gedacht hab, wenn es gleich im November beim Sturz aus gewesen wäre, hätte ich mir das alles erspart. Einmal aber hatte ich einen Traum, das war schon nach der OP. Ich war auf einer Bergtour, wie hatten schon viel geschafft, aber der Gipfel war noch weit entfernt und ich konnte nicht mehr. Ich hab mich hingesetzt und wollte aufgeben. Doch dann hat eine Stimme zu mir gesagt: Georg, du hast uns jetzt schon so viel gekostet, jetzt darfst du nicht aufgeben.

 

Noch wertvoller als die Kosten, die bei mir angefallen sind, war die menschliche Unterstützung für mich: Die vielen Gedanken, der Zuspruch von lieben Menschen, die Zuwendung von euch hat mir geholfen, weiterzugehen. Schritt für Schritt. Das ist weit wertvoller als all die Kosten, die sicher nicht wenig waren.

Auch mein Glaube war mir eine große Stütze. Wenn ich auch zugeben muss: ich habe Gottes Nähe nicht immer gespürt. Aber ich habe dennoch versucht, zu glauben, zu vertrauen. Quasi einen Vorschuss zu geben.

In den Laudes habe ich zwei  Psalmverse gefunden, die mir geholfen haben, die mich geleitet haben: Nicht sterben werde ich, sondern leben, um Gottes große Taten zu verkünden. - Und die Bitte: Zeige mir dein Angesicht oh Gott!

Und ich hab Gottes Angesicht gesehen: in den Blicken der Pflegerinnen und Pfleger. Auch in den Besuchen und Nachrichten von euch. Ich war dankbar, wenn mich die Pfleger gefragt haben: sollen wir Ihnen den Rücken eincremen? Natürlich - Ja bitte!

Meine Zimmernachbarn – ich hatte sehr viele in dieser Zeit/ fast 30 – waren immer auch eine Bereicherung. Einer hat mir von einem Nahtod Erlebnis erzählt. Dem anderen habe ich in seiner Verzweiflung getröstet, wieder ein anderer hat mir immer sein Obst geschenkt. Und mit Ahmet einem Moslem habe ich gemeinsam am Abend gebetet. Er auf einem Tuch am Boden sein Korangebet – ich sitzend am Bettrand meine Komplet. Das Zimmer wurde wirklich zu einem heiligen Raum.

Und am Schluss meiner AKH-Zeit wurde ich in der evangelischen Kapelle des AKH von einer jungen Frau gesegnet – was mich sehr berührt hat.

 

Dann kam nach vielen Tagen AKH ohne Frischluft endlich die Zeit der Reha. Ich dachte: das wird ein netter Urlaub werden, wo ich zum Lesen komme – aber ich war terminlich mit Therapien und Vorträgen sehr eingedeckt. Die Natur und der Frühling, das eigene Zimmer und das Vogelgezwitscher waren jedoch Momente des Glücks und der Freiheit für mich dort.

 

Trotzdem auch hier ein Auf und ein Ab. Hier ist die Seele erst nachgekommen. Und nach anfänglicher Euphorie war ich plötzlich niedergeschlagen: ich habe mir schwergetan, mich mit meinen Wunden anzunehmen, mich selbst zu lieben. Ein Priesterkollege, dem ich das erzählt habe, hat mir ein Buch geschickt: MIT MIR SEIN. Da durfte ich die Ermutigung annehmen und liebevoll auf mich zu schauen.

Das ist auch die tiefste Erfahrung meines Weges, die ich mit euch teilen möchte: Wir sind geliebt, vor jeder Leistung, einfach so wie wir sind. Auch wenn wir krank und verwundet sind. Gott schaut liebevoll auf uns und wir dürfen es auch.

Und mit dieser Zusage möchte ich wieder ins Leben –. Nicht sterben werde ich, sondern leben, um Gottes Große Taten zu verkünden. Die Liebe ist das größte Wunder, ein Wunder, in dem auch meine Wunde integriert ist.

In dieser Liebe bin ich auch mit vielen anderen verbunden: mit euch und auch mit meinen Ahnen,… übrigens die Person, deren Herz ich nun trage, zähle ich nun zu meinen Ahnen.

 

Anfang Mai war ich wieder in Breitensee. Ein unfassbares Glücksgefühl, als ich wieder in die Wohnung kam, die geputzt, gelüftet und mit Blumen geschmückt war.

Als ich Menschen getroffen habe, wurde ich staunend wahrgenommen: wie von einem anderen Stern. Gut schaust aus … In den ersten Tagen habe ich auf der Straße beim neuen Eisgeschäft auf der Breitenseer Straße zwei Ministrantinnen getroffen, die mich sofort auf ein Eis eingeladen haben. Und beim Eisschlecken hat dann eine gesagt: Georg, es war auch ganz gut, dass du weg warst: Wir haben so etwas von zusammengearbeitet und zusammengehalten. –

Darüber bin ich froh. Ich bin stolz auf die Gemeinde – und danke auch dem Priester Gustav, der in dieser Zeit ein so guter und liebevoller Begleiter der Gemeinde war.

 

Am Schluss möchte ich euch ein Lied aus meiner Lieblingsplaylist vorspielen, die ich einmal am Abend im Intensivbett am Abend gehört hab, da habe ich vor Glück fast geweint: … es ist ein Liebeslied, das für mich heilende und aufbauende Zuwendung ausdrückt: von Gott, den Menschen, der Natur… You raise me up – to more than I can be…


Markusevangelium 4,35-41 (Neue Genfer Übersetzung)

 

Am Abend jenes Tages sagte Jesus zu seinen Jüngerinnen und Jüngern:  »Lasst uns ans andere Ufer fahren!«

Sie schickten die Menge nach Hause, stiegen in das Boot, in dem Jesus bereits war, und fuhren mit ihm ab. Einige andere Boote begleiteten sie.

Plötzlich brach ein heftiger Sturm los; die Wellen schlugen ins Boot, und es begann sich mit Wasser zu füllen.

Jesus aber schlief im hinteren Teil des Bootes auf einem Kissen.

Sie weckten ihn und schrien: »Meister, macht es dir nichts aus, dass wir umkommen?«

Jesus stand auf, wies den Wind in seine Schranken und befahl dem See: »Schweig! Sei still!« Da legte sich der Wind, und es trat eine große Stille ein. 

»Warum habt ihr solche Angst?«, fragte Jesus sie. »Habt ihr noch kein Vertrauen?« 

Da gerieten sie in große Furcht, und sie sagten zueinander:  »Wer ist nur dieser Mann, dass ihm sogar Wind und Wellen gehorchen?

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