Vergeben ist schwer

Was steckt hinter dem Bedürfnis nach Ausgleich und Gerechtigkeit?
Ich habe beobachtet: zwei Kinder wollen trotz hundert anderer Spielsachen mit dem selben Spielzeug zugleich spielen.
Ein zweites Beispiel: In kommunizierenden Gefäßen gleicht sich der Wasserstand immer aus.
Es ist scheinbar ein Prinzip, das für alle Lebensbereiche gilt: alles sucht Ausgleich. Die Balken-Waage ist ein Symbol dafür.
Schön wäre es, wenn der Ausgleich überall so leicht ginge – aber dem ist nicht so: es gibt eine Kluft zwischen Nord und Süd, zwischen arm und reich; Wohlstand und Klima sind ungleich und ungerecht verteilt. Auch im privaten persönlichen Bereich gibt es Ungerechtigkeiten, Schieflagen und Ungleichheiten. Dies alles kann im Großen wie im Kleinen der Anfang von Streit und die Triebfeder für Kriege sein.
Wie sollen wir damit umgehen?
Die Natur hat für ihren Ausgleich Zeit, oft Jahrhunderte oder Jahrmillionen. Kulturen wandeln sich auch im Lauf der Geschichte: da gibt es Auf- und Niedergang. Doch wir Menschen haben nicht so viel Zeit zur Verfügung. Wie gehen wir mit den Ungleichheiten im persönlichen Bereich um?
Es gibt 3 Wege:
Der erste ist die Rache ohne Maß: es wird ohne zu denken zurückgeschlagen.
Ein Fortschritt ist die Regel Aug um Aug, da wird die Vergeltung eingegrenzt.
Der dritte Weg ist der schwierigste: dem Menschen wird Vergebung zugetraut.
Doch diese ist nicht leicht zu leben. Im harten Berufsgeschäft vielleicht gar nicht. Es ist eine individuelle Entscheidung, ob ich vergebe. Wenn es geschieht, dann können Teufelskreise durchbrochen werden und aus Mauern Brücken werden. Doch diesen Weg kann man niemandem befehlen. Möglich ist er dann, wenn wir selbst Liebe und Vergebung erfahren haben, wenn unser Herz berührt wurde. Dann kann es sein, dass es uns drängt, genauso zu handeln. Nicht mehr aufzurechnen und zu zählen, sondern das Herz sprechen zu lassen. Gesetz und Sanktionen können die Logik der Gerechtigkeit möglichst gut erfüllen, aber nicht darüber hinaus gehen. Die Logik des Herzens aber schöpft aus einer tieferen Kraft und ist zu mehr fähig - auch dazu, Ungerechtigkeit auszuhalten, Dürre durchzustehen - weil wir an einer tieferen Quelle unsere Wurzeln haben.
Vergeben ist wie das Erlernen der Muttersprache: man hört sie, nimmt sie auf, um dann Tag für Tag mit ihr uns aus ihr zu leben. Hinter dem Bedürfnis nach Ausgleich steckt das Bedürfnis nach Leben, nach fließendem Leben, nach lebendiger Beziehung.




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