• Pfarrer Georg

2.So: Kreuz - hindurch, nicht vorbei


Vor zwei Jahren bekam ich aus dem Nachlass einer 97-jährigen Frau ein Kruzifix angeboten, weil keines ihrer fünf Kinder es haben wollte; es war ihnen zu groß für die Wohnung und auch war ihnen der Leidende am Kreuz kein erbaulicher Anblick.

Ich habe das Kruzifix zu mir genommen, wusste aber nicht sofort, ob ich es irgendwo aufhängen könne. Doch irgendwie hat es mich von Anfang an berührt.


Nach ein paar Monaten, in denen ich es immer wieder angeschaut habe, wusste ich plötzlich, was ich tun wollte: Ich habe die Bemalung entfernen lassen, und nur den Korpus aus Kirschholz - also ohne das Kreuz - an einer freien Wand in meinem Arbeitszimmer befestigt.


Wenn ich nun vom Schreibtisch aufschaue, sehe ich eine Gestalt mit ausgebreiteten Armen und fixierten Beinen – sie erinnert mich an die leidende und geschundene Schöpfung. Diesen Aspekt der Welt blende ich im Alltag nämlich oft aus. Aber ich sehe nicht nur das: ich sehe ebenso Jesus, den auferstandenen Christus und damit auch eine lichte Hoffnung für die ganze Schöpfung. Niemand muss im Leid stehen bleiben, sondern alle sollen hindurchgeführt werden. Das sehe ich auch.


Die heutige Lesung aus dem Buch Jesaja fasst diese Absicht Gottes zusammen: Gott will alle an seiner Herrlichkeit teilhaben lassen; daher macht er sich zunächst ein Volk vertraut, und dann erwählt er aus diesem Volk einen Knecht, der mitten im Dunkel ein Licht ist.

Dieser Knecht – so sagen uns die vier Gottesknecht-Lieder im Buch Jesaja - übt keine Gewalt aus, er schreit nicht und lärmt nicht, er hat keine schöne Gestalt und ist mit Krankheit vertraut. Aber er richtet die Gerechtigkeit auf, er sammelt und heilt. Er wird so zum Licht - nicht nur für Israel - sondern für die ganz Schöpfung. Denn "Gottes Heil soll bis an das Ende der Erde reichen", so der Prophet.


Jesus Christus ist jener Knecht, der ganz mit Gottes Geist gesalbt ist. Die Bibel nennt ihn auch Lamm (Symbol für vertrauensvolle Liebe). Jesus Christus ist das Licht Gottes – durch sein Leben, seine Hingabe, seine Auferstehung wird Gottes Heilsplan sichtbar.


Der Gekreuzigte an der Wand in meinem Arbeitszimmer erinnert mich an diese Hoffnung.

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für Texte & Inhalt verantwortlich: Mag. Georg Fröschl

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