begleiten, nicht richten
- Georg Fröschl

- vor 17 Stunden
- 2 Min. Lesezeit
Stellen wir uns zwei Familien vor.
In der ersten Familie sagen die Eltern zu ihrem Kind: „Solange deine Füße unter unserem Tisch stehen, bestimmen wir, wo es langgeht.“
Jeder Schritt kontrolliert. Jede Entscheidung abgenommen. Das Kind darf wachsen – aber nur an der kurzen Leine.
In der zweiten Familie sagen die Eltern etwas ganz anderes: „Mach, was du willst. Ist mir egal. Du wirst schon sehen, wohin das führt.“
Kein Halt. Kein Blick. Keine Hand, die dich berührt.
Zwei Extreme. Beide tun weh. Das eine erstickt. Das andere lässt fallen.
Die meisten Eltern wollen etwas dazwischen. Sie haben ja gesagt zu ihrem Kind. Ja zum Leben, das sie geschenkt haben. Und ja dazu, es zu begleiten – bis es selber gehen kann.
Genau diese Frage stellen uns die heutigen Texte. Nur größer gefasst:
Wie sind wir füreinander da – in Gemeinschaft, in Gemeinde, im Leben miteinander?
Wo hört unsere Verantwortung auf? Und wo fängt sie erst richtig an?
Die Bibel sagt: Einer trage des anderen Last. Und im Evangelium hören wir: Wir tragen Verantwortung für unsere Schwestern und Brüder. Wir sollen warnen, wenn Gefahr droht. Wenn jemand der Gemeinschaft schadet.
Aber heißt das: Wir sind schuld an dem, was der andere tut?
Nein.
Genau das ist die Grenze, die uns Ezechiel und das Evangelium heute zeigen. Wir sind nicht verantwortlich für die Taten der anderen. Aber wir sind verantwortlich dafür, ehrlich zu sein.
Ein Wort zur rechten Zeit. Ein Hinweis, der aufrüttelt, ohne zu verurteilen. Erinnern, wofür die Gemeinschaft eigentlich da ist.
Als Jugendlicher habe ich das in einem Fußballteam gelernt.
Wir haben füreinander gekämpft. Miteinander gewonnen, miteinander verloren. Jeder durfte Fehler machen. Und trotzdem stand die Mannschaft zueinander.
Niemand hat die Rolle des anderen übernommen. Aber alle haben füreinander gespielt.
Das ist der Unterschied.
Zwei Fragen möchte ich dir mitgeben:
In welchen Gemeinschaften lebst du? Gibt es Menschen, die dir ehrlich etwas sagen dürfen – ohne dass die Freundschaft daran zerbricht?
Und umgekehrt: Wem sage ich ehrlich meine Eindrücke? Und was braucht es dabei? Mut. Behutsamkeit. Und Liebe, die bleibt, auch wenn das Wort wehtut.
Darum - kurz und einprägsam:
Einander nicht richten. Einander begleiten.


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